Laufen in Vantaa

Irgendwie komme ich auch an den Wochenenden nicht dazu auszuschlafen. Am Sonntag, dem 21. Mai bin ich um 6:30 Uhr aufgestanden, zog mir meine Sportklamotten an und schmiss Wechselkleidung sowie 2 Bananen in meinen Rucksack. Schnell noch die Thermoflasche mit kalten Wasser befüllt und dann ging es auch schon mit dem Auto Richtung Helsinki.

Anfang April, hatte mir eine Freundin über Facebook einen Link geschickt, welcher mich zu der Eventseite vom „ExtremeRun“ leitete. Das Ganze klang interessant und ich trug es mir erstmal zur Erinnerung in meinen Kalender ein. Einige Tage später sprach ich dann den Termin mit meinen Au-Pair-Eltern ab, jedoch war noch nicht klar ob diese an dem Tag arbeiten mussten oder frei hatten. Dadurch stand das Ganze erstmal ”Vielleicht”. Anfang Mai erhielten meine Au-Pair-Eltern ihre weiteren Schichtzeiten und da der Vater an dem Tag des Laufes frei hatte, konnte ich teilnehmen.

Da ich ja ein finnisches Bankkonto hatte, mit dem ich auch bereits erfolgreich mein Datenpaket für das Handy gebucht hatte, dachte ich mir, dass die Zahlung für die Teilnahme wohl kein Problem darstellen würde.  Nun ja, falsch gedacht. Zwar konnte ich meine Daten zum Registrieren eingeben doch beim Bezahlen erschien immer ein finnischer Fehler. Daher kontaktierte ich erstmal telefonisch den Anbieter des Bezahlsystems. Der Supportmitarbeiter war zwar sehr bemüht, konnte mir aber auch nicht weiterhelfen und empfiehl mir mich an meine Bank zu wenden.

Als ob ich mich an die Ratschläge von Supportmitarbeitern halten würde. Das wäre ja noch schöner. Ich schrieb also stattdessen die Organisatoren vom ExtremeRun über Facebook an. Wenn die diesen unfähigen Zahlungsdienstleister nutzten, sollten die sich doch auch darum kümmern, dass es funktioniert. Dort wurde mir dann versichert, dass mein Name im System sei und ich vor Ort zahlen könnte. Alle weiteren Informationen würde ich wenige Tage vor dem Event per Mail erhalten. Da ich die Mail auch am Abend vor meiner Abfahrt nicht erhalten hatte, hoffte ich, dass ich wirklich im System hinterlegt war.

Ich gab also bei Google Maps die einzige Adresse, welche auf der Seite auffindbar war, ein und klemmte das Handy ins Armaturenbrett. 80 Kilometer sowie eine Stunde später fuhr ich auf einen Parkplatz eines Sportplatzes in Vantaa (Nördlich von Helsinki). Also Wagen geparkt, und erstmal die Lage checken. Der Platz war schnell gefunden und bis auf 2 große Zelte ziemlich leer. Da jedoch der Lauf auch erst in 3,5h starten sollte war dies nicht allzu verwunderlich. Welcher Depp (außer mir) kommt auch derart verfrüht?

Ich steuerte das nächst gelegende Zelt an und nach einem kurzen (englischen) Gespräch sowie einer Zahlung von 50€, enthielt ich meine Startnummer, den Timechip sowie eine Goodiebag (Ich mag Anglizismen). Interessant war, dass ich über das Internet 60€ hätte zahlen müssen, doch wollte ich mich als ärmlicher Au-Pair nicht beschweren und stiefelte mit dem Erhaltenen zurück zum Auto um mich für das Rennen zu präparieren. Goodiebeutel ausgepackt, Startnummer ans T-Shirt gepinnt, noch schnell ein Foto für den WhatsApp-Status und dann konnte es auch zurück zum Platz gehen. Am Infozelt gab ich dann den Schlüssel ab und fläzte mich auf die Wiese um die Sonne zu genießen. Einige Stunden später, fiel mir ein, dass ich noch meine Bananen im Auto liegen hatte und überlegte mir, dass nun der ideale Zeitpunkt wäre, sich diese zu Gemüte zu führen. Als ich jedoch die Personenschlange vor dem Infostand sah, an dem ich meinen Autoschlüssel abgegeben hatte, verlor die Idee doch sehr stark an Attraktivität. Somit spazierte ich stattdessen eine gemütliche Runde über den Platz um mir die verschiedenen Verkleidungen anzuschauen. Als ich diese fast beendet hatte, kam Bewegung in die Menge und soweit ich es verstand wurden alle Läufer vor die Bühne gebeten. Dort gab es dann ein gemeinsames Aufwärmprogramm, welches von allen Mitstreiten motivieret durchgeführt wurde. Nach dessen Abschluss sammelten sich die Läufer im Startbereich und ich begrub die Hoffnung doch noch vor dem Start in den Genuss meiner energiespendenden Bananen zu kommen. Ich mischte mich unter die Menge und sortierte mich im vorderen Fünftel ein.

Nach einer Motivationsrede des Veranstalters, von der kein Wort verstand ging es dann mit 5 Minuten Verspätung los.

 

Die Beschreibung vom Rennen selber findet ihr als Gastbeitrag von mir im Blog ”tough times for chicken (https://tough-times-for-chicken.com/).

 

Nach dem Zieleinlauf und dem Empfang der Medaille, genoss ich noch ein wenig das Flair, gönnte mir eine dönerähnliche Teigtasche mit Fleisch und Salat und ging dann meinen Schlüssel abholen. Mit Autoschlüssel und guter Laune schlenderte ich zum Parkplatz um meine Wechselsachen zu holen. Ich drückte auf den Knopf um das Auto zu öffnen. Nichts. Na gut, das war nichts ungewöhnliches, das System reagierte nicht immer perfekt. Also nochmal gedrückt. Wieder nichts. Ich ging näher an den Wagen und drückte den Knopf erneut. Da ich erneut keinen Erfolg hatte, probierte ich es erst von vorne dann von hinten und anschließend von weiteren verschiedenen diversen Abständen und Winkel. Leider gab das Auto keinen Mucks von sich. Hatte ich vielleicht die ganze Zeit den falschen Knopf gedrückt? Ich probierte es mit dem anderen Knopf, auf dem ich meinte ein geschlossenes Symbol zu erkennen. Ich drücke hoffnungsvoll, doch auch dieser Knopf brachte keinen Erfolg. Ein wenig entnervt gab ich auf und öffnete das Auto mechanisch. Leider öffnete sich nur die Fahrertür. Ich quetsche mich also mit nassen schlammigen Klamotten zwischen Fahrer und Beifahrersitz auf die Rückbank und lehnt mich von dort aus soweit wie möglich in den Kofferraum hinein, um die Sichtschutzklappe zu öffnen. Nachdem dies geschafft war, angelte ich mir meinen Rucksack mit den Wechselklamotten und kletterte wieder nach vorne um das Auto zu verlassen, immer im Versuch, nicht das komplette Auto zu verdrecken. Ich verschloss die Fahrertür (mechanisch) und ging erstmal duschen. Nachdem ich mit Ausnahme der Schuhe wieder frisch und sauber war, schrieb ich meinen Au-Pair-Vater über WhatsApp dass sich das Auto nicht mehr öffnet und wartete auf eine Antwort Nichts so prickelnd fand ich, dass der Akku vom Smartphone nur noch 5% hatte. Ich blieb trotzdem optimistisch, setzte mich ins Auto und versuchte den Motor zu starten. Nichts. Hatte man mir den Motor oder die Autobatterie geklaut? Eher unwahrscheinlich. Während ich Motorklappe öffnete, fragte mich eine Freundin über WhatsApp, welcher ich von meiner Lage berichtet hatte, ob ich das Licht angelassen hatte. ”Quatsch, das hätte ich doch beim Aussteigen bemerkt.”  antwortete ich und ortete erstmal die Position der Autobatterie, welche zum Glück nicht verschwunden war. Auch der Motor war nicht geklaut worden, was mich doch erstmal erleichterte.

Ich schloss die Motorhaube wieder und setzte mich ins Auto um die nächsten Schritte zu überlegen. Dabei fiel mein Blick auf den Schalter für Fern- und Abblendlicht. Er stand auf Abblendlicht. Mist!

Mein Au-Pair-Vater fragte ob er mich abholen kommen sollte, ich sagte jedoch, dass ich erstmal gucken würde, was sich noch so machen lässt. Das mein Handyakku mit inzwischen nur noch 3% wohl nicht mehr genug Energie hatte, um mich nach komplett nach Hause zu navigieren, registrierte ich dies erstmal als sekundäres Problem und ging erneut zum Infoposten, wo man mich inzwischen schon kannte.

Ich erzählte, dass ich das Licht angelassen hatte und fragte ob irgendjemand vom Team eventuell Starterkabel hatte. Das Team diskutierte kurz auf Finnisch und teilte mir mit, dass leider niemand im Besitz von derartigen Kabeln wäre, man mir jedoch, wenn ich dies wünschte, ein Autoservice anrufen könnte. Da ich weder eine ADAC-Goldkarte besaß noch vermögend war, lehnte ich dankend ab und kehrte zum Auto zurück um in Ruhe über eine Lösung nachzudenken.

Das mit dem in Ruhe nachdenken, klappte leider nicht so ganz, weil die Musik von der Bühne das ganze Areal beschallte. Moment! Die Bühne macht laute Musik. Die laute Musik erreicht alle Leute. Und alle Leute bedeutet auch eine höhere Chance auf ein Überbrückungskabel! Das ist es!

Somit dackelte ich zur Bühne und fragte die dort stehende Security erstmal in fließenden finnisch, ob er auch Englisch sprechen könnte. Nachdem er dies bejahte erklärte ich ihm, dass meine Autobatterie leer wäre, ich jemand benötigen würde der mit entsprechenden Überbrückungskabeln aushelfen kann und ob er dies dem DJ mitteilen könnte, damit dieser alle Anwesenden fragen kann. Die Security sagte zu, ging zum DJ und nach ein paar Sätzen verringerte der DJ die Lautstärke des aktuellen Liedes und sprach irgendetwas finnisches ins Mikrofon. Nach 2 Sätzen erschallte Gelächter. Keine Ahnung ob er mich als weniger intelligenten Ausländer darstellte oder das Ganze nur witzig verpackte, jedenfalls kam wenige Sekunden später ein Mann winkend auf mich zugelaufen. Dieser hatte dann auch entsprechende Kabel und nachdem er seinen Wagen vor dem meinigen gefahren hatte überbrückten wir die Batterie und ich versuchte den Motor zu starten. Ohne Probleme starte dieser und ich war froh zumindest das erste Problem schonmal gelöst zu haben. Ich bedanke mich bei dem freundlichen Herrn und schrieb meinen Au-Pair-Vater, dass er mich nicht abholen kommen müsste, da der Motor nun wieder laufen würde.

Ich startete Google Maps, gab mein Ziel ein und klemmte das Handy wieder ins Armaturenbrett zwischen Tacho und Drehzahlmesser. Nachdem ich gerade auf die Autobahn auffuhr schaltete sich das Handy aus. Zudem klappte der Bordcomputer nicht, da dieser nach dem Ausfall der Stromzufuhr erst eine Kennnummer zum Starten verlangte, welche mir natürlich nicht bekannt war. Nun war ich also navigationslos irgendwo in Finnland in der Nähe von Helsinki. Na gut, beim Finden (ich suche nicht, ich finde nur) von Wegen oder anderen Zielen hatte ich es bisher immer so gehalten, dass ich einfach drauflosgelaufen oder -gefahren war und dann eigentlich immer am gewünschten Ziel (irgendwann) ankam. Also beschloss ich auch dieses Mal auf diese Taktik zu vertrauen und folgte einfach mal der Autobahn. Als dann irgendwann ein Schild auf die Autobahn 2 Richtung Turku verwies, meinte ich mich zu erinnern, dass dies eventuell die richtige Richtung sein könnte. Also dort aufgefahren und weiter geradeaus. Eine dreiviertel Stunde später kam dann ein Schild mit dem Verweis nach Saukkola. Perfekt! Von Saukkola aus, kannte ich den Weg. Also folgte ich motiviert den Schildern und war 20 Minuten später tatsächlich in dem kleinen Ort. Eine viertel Stunde später parkte ich den Wagen vor dem Haus, stoppte den Motor schaltete das Licht aus, packte meine Sachen zusammen und ging zur Haustür. Verschlossen. Naja egal, ich wusste ja, wo der Ersatzschlüssel war. Blöderweise war die Kommode, wo der Schlüssel versteckt war nicht mehr an ihrem Platz. Sie war irgendwie verschwunden. Ich suchte kurz das Ersatzmöbelstück, welches nun da stand ab, musste jedoch feststellen, dass mit dem Verschwinden der Kommode auch der Ersatzschlüssel nicht mehr auffindbar war. Ich packte also meine Sachen auf die Bank neben der Haustür und setzte mich auf Selbige. Ich saß keine Minute, als ein Auto die Auffahrt hochfuhr. Es war die Mutter meine Au-Pair-Mutter, welche den jüngsten Sohn zurückbrachte und auch einen Schlüssel dabeihatte. Wenige Minuten später war ich im Haus und konnte mein Erlebnis endlich als abgeschlossen betrachten.

Zumindest bin ich mir sicher, dass ich das Licht nun nicht mehr anlassen werden.

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